Mittwoch, 26. September 2018

Passion for Slow Fashion - nachhaltig online Mode konsumieren (Second-Hand-Fashion online kaufen, Mode online leihen oder tauschen) - Part 1


In meinem letzten Blogbeitrag Passion for Fashion - was im Online-Modehandel zu kurz kommt habe ich mich mit dem Mangel an Visionen, Inspirationen und kundenorientierten Services im Online-Modehandel auseinandergesetzt.

Heute soll es um die dreckige, dunkle Seite der Mode gehen.
(Bildquelle: Trigema Blog)
Die (Fast-)Fashion Industrie hinterlässt einen enormen Footprint. Z.B. gehen laut Eco-Business Schätzungen von 330 Millionen bis 832 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr für die Produktion von Kleidung aus – das würde reichen um ein Jahr lang 31,6 Millionen bis 79,7 Millionen Haushalte zu heizen und mit Strom zu versorgen (Eco-Business - What we know - and need to know - about sustainable fashion). Die Deutsche Welle (DW) geht aktuell sogar davon aus, dass dies noch höher ist - „Die gesamte Textilproduktion verursacht in nur einem Jahr über eine Milliarde Tonnen CO2. Das ist mehr als alle jährlichen internationalen Flüge und Schifffahrten zusammen. Dazu kommt die Verschmutzung der Meere durch Mikroplastik aus Textilfasern und die Verwendung giftiger Chemikalien“ (DW - Umweltsünde Mode: Nur "FastFashion", oder geht es auch nachhaltig?).
Laut dem World Economic Forum werden 2.700 Liter Wasser allein dafür benötigt, um ein T-Shirt zu produzieren und damit ist die Modeindustrie nach der Öl-Industrie die am meisten umweltverschmutzende Industrie (World Economic Forum - These are the environmental costs of fast fashion). 
Dabei wird im Rahmen der Produktion eines T-Shirts hierfür eine Reise von unglaublichen 27.500 km vollzogen (Trigema-Blog - Fast Fashion, schnelllebige Mode).
Bei einer Jeans ist dies noch schlimmer - auch die Vogue geht darauf ein und zeigt Alternativen auf (Vogue - Die Kehrseite von Darling Denim: Das "schmutzigste Kleidungsstück" der Welt und seine nachhaltigste Alternative).
Noch viel mehr Details zu den Auswirkungen der Fast-Fashion-Industrie zeigt die Ellen MacArthur Foundation (eine renommierte gemeinnützige Stiftung mit Fokus auf Entwicklung einer regenerativen Wirtschaft) in ihrem Report A New Textiles Economy: Redesigning fashion’s future / Voller Report als PDF mit 150 Seiten).
Und diese aufwändig produzierte Mode liegt oftmals schnell ungenutzt in den Kleiderschränken und wird dann weggeschmissen. Laut einer Greenpeace-Studie liegen allein in Deutschland ca. eine Milliarde ungenutzte Kleidungsstücke in den Kleiderschränken und nicht gebrauchte Kleidung wird am häufigsten  einfach im Müll entsorgt und nicht wiederverwendet (via Handelskraft - Das Geld liegt nicht auf der Straße, es hängt im Kleiderschrank).
Wie die Studie (Greenpeace-Umfrage zum Kleidungskaufverhalten - MODE, BEWUSST!) und eine weitere Greenpeace-Studie (Konsumkollaps durch Fast Fashion) weiter zeigen:
  • Jeder Deutsche kauft demnach etwa 60 neue Kleidungsstücke pro Jahr und trägt diese halb so lange wie vor 15 Jahren.
  • Jedes fünfte Kleidungsstück (19 %) wird so gut wie nie getragen.
  • Oberteile und Hosen sowie insbesondere Schuhe werden laut der repräsentativen Umfrage in Deutschland nur noch kurze Zeit genutzt. Fast jeder Zweite gibt an, innerhalb weniger als einem Jahr Schuhe, Oberteile und Hosen auszusortieren. Spätestens nach drei Jahren werden mehr als die Hälfte der Oberteile, Hosen und Schuhe ausgemustert.

Die Greenpeace-Studie - Usage & Attitude Mode unter Jugendlichen / PDF zeigt, dass es bei den Jugendlichen z.T. besser aussieht – weiter gibt diese Studie auch einen detaillierten Einblick über die Zielgruppe der jugendlichen Fashion-Käufer.
Der thredUp Resale Report 2018 zeigt ein widersprüchlicheres Bild zum Shoppingverhalten der Millennials
Doch Nachhaltigkeit wird zum Glück für Viele immer wichtiger. Warum ständig etwas Neues kaufen, wenn es genauso gute oder bessere Alternativen zum ständigen konsumieren von Neuware gibt?
Share-Economy und nachhaltige Konzepte werden auch im Online-Modemarkt immer relevanter. Mit diesem Artikel möchte ich einen Schnappschuss auf Slow Fashion-Konzepte, den Markt und auf ausgewählte Player geben.

Überblick Slow Fashion - Markt und Geschäftsmodelle

Unter dem Begriff Slow Fashion werden Ansätze zum fairen und nachhaltigen Konsum von Mode verstanden. Also ein bewussterer und entschleunigter Umgang mit Mode. Das bedeutet Preloved-Fashion / Second-Hand-Fashion kaufen, Mode leihen oder tauschen sowie fair und nachhaltig produzierte Mode kaufen. Einen lesenswerten Überblick zu vielen Ansätzen gibt Stefanie Jakob bei Utopia - Slow Fashion: Ein Konzept für bessere Mode.
Allein der Markt für Preloved-Fashion / Second-Hand-Fashion (oder auch Recommerce oder Resale) wächst beständig. Dieser  Markt, soll laut Schätzung des US-Recommerce-Unternehmens thredUp, das mit dem Resale-Report einen jährlichen Branchenreport herausgibt, von aktuell 18 Mrd. Dollar auf 41 Mrd. Dollar in 2022 wachsen (via manager magazin - Warum gebraucht plötzlich sexy ist). ThredUp liefert aber auch noch weitere interessante Informationen zum Second-Hand-Fashion-Markt im 2018 Fashion Resale Market and Trend Report. Demnach wird der Anteil der Second-Hand-Fashion von rd. 5,5% in 2017 auf rd. 10% in 2022 wachsen.
Auch in China ist (Fashion-)Recommerce bereits ein Thema, das starkt wächst – eine detaillierte Analyse dazu bietet Coresight Research - Deep Dive: China’s Online Fashion Recommerce Market - Part 1 The Next Frontier for E-Commerce (auch als PDF / Infografik).
Insgesamt ist das Marktvolumen noch um einiges höher, da neben dem Markt der Second-Hand-Mode auch der Markt für Leihen und Tauschen etc. berücksichtigt werden muss.
Dabei sind folgende Geschäftsmodelle besonders relevant:

1. Second-Hand-Fashion verkaufen und kaufen

Business-To-Consumer (B2C) Geschäftsmodelle
Mittlerweile gibt es einige - teilweise schon große - Unternehmen, welche gebrauchte Mode aufkaufen und diese dann im eigenen Online-Shop wieder verkaufen. Dies bietet dem User die Möglichkeit, seine nicht mehr genutzten Modeartikel schnell und einfach loswerden und dafür Geld zu bekommen. Diese Händler prüfen dann die Echtheit, erstellen Artikelfotos und -texte und kümmern sich um den Verkauf. 
Hier ein paar der relevantesten / interessantesten Player:
Vite EnVogue aus Hamburg mit einer großen Auswahl an Premium Second-Hand-Designermode  – der Ankauf erfolgt über Buddy & Selly
Ubup ist der größte Second-Hand-Online-Shop für Mode in Deutschland und gehört zu momox. Der Ankauf erfolgt über momox-fashion.de.
Auch Zalando ist mittlerweile aktiv geworden.  Im März wurde die App "Wardrobe" gestartet, über welche User ihre gebrauchten Kleidungsstücke an andere Nutzer oder Zalando selbst verkaufen können. Weitere Infos bei Jochen Krisch (Exciting Commerce - Zalando Wardrobe hilft beim Ausmisten des Kleiderschranks und Warum Zalando Wardrobe gerade jetzt Sinn macht #K5BLN).
Second Life Fashion - ein weiterer, jüngerer deutscher Online-Shop, der auch gebrauchte Mode direkt ankauft.

Consumer-To-Consumer (C2C) Geschäftsmodelle
Fast seit den Anfängen des Internets können User ihre gebrauchten Artikel auf Online-Marktplätzen selbst verkaufen. Im Gegensatz zu den Online-Shops ist der Online-Marktplatz „nur“ der Vermittler eines Kaufvertrags zwischen Verkäufer und Kunden und erhält hierfür eine Provision vom Verkäufer. Mittlerweile übernehmen die Marktplätze für Second-Hand-Designer-Mode oft zusätzliche Serviceleistungen, wie z.B. das Fotografieren des Artikels und die Erstellung von Artikeltexten sowie Kontrolle der Echtheit und der Qualität, was insbesondere bei hochwertiger Designer-Mode hilfreich ist. 
Hier ein paar der relevantesten / interessantesten Player:
EBay die „Mutter“ aller Online-Marktplätze ist seit 1995 aktiv und hat das größte Angebot an Second-Hand-Artikeln.
REBELLE - ebenfalls aus Hamburg - ist der größte Online-Marktplatz aus Deutschland für hochwertige Designer-Mode. Der Verkäufer kann wählen, ob er seine Artikel selbst einstellen und fotografieren möchte oder ob das REBELLE mit dem Concierge-Service erledigen soll (dafür fällt eine zusätzliche Gebühr in Höhe von 15,- EUR pro Artikel an).
Vestiaire Collective ist ein weiterer großer Online-Marktplatz für Premium Designer-Mode, der in Frankreich gegründet wurde, aber international aktiv ist. Auch hier wird die Echtheit überprüft bevor der Artikel an den Käufer verschickt wird. Vestiaire Collective stellt den Social-Aspekt mehr in den Vordergrund – der Verkäufer wird mit Foto angezeigt. Hier gibt es nach eBay das größte Angebot in Deutschland.

Mädchenflohmarkt ist in Deutschland schon seit 2009 aktiv und bietet ebenfalls einen  Concierge Service an. Um dem Verkäufer den Prozeß zu vereinfachen.
Auch Kleiderkreisel gehört seit 2008 zu den Pionieren in Deutschland – hier erfolgt der Verkauf der gebrauchten Modeartikel ohne Provision und auch Tauschen ist möglich. Die Echtheit des Artikels wird durch Kleiderkreisel nicht geprüft.
Videdressing aus Frankreich ist neben anderen Ländern auch schon länger in Deutschland aktiv. Auch Videdressing hat ein großes Angebot an Second-Hand-Designer-Mode und bietet eine Echtheitsgarantie. Allerdings wird hier kein  Concierge Service angeboten.
Bei The RealReal (einer der größten Player aus USA – versendet auch international) verwischen die Grenzen – der Verkäufer gibt die Bekleidungsstücke zu The RealReal – alles Weitere macht das Unternehmen (inkl. Festlegung des Preises). Da der eigentliche Verkäufer auch nicht in Erscheinung tritt / genannt wird, wirkt es aus Kundensicht wie ein B2C-Geschäftsmodell.
ThredUp ist einer der größten Marktplätze für  Designer-Mode in den USA und verschickt derzeit nur nach USA und Kanada. Auch hier wird die Echtheit geprüft und auch hier tritt der Verkäufer nicht direkt in Erscheinung.
Poshmark der dritte große amerikanische Player – hier erfolgt der Kauf / Verkauf i.d.R. mit der Poshmark-App. Auch Poshmark ist bisher noch nicht außerhalb der USA verfügbar.  

2. (Second-Hand-) Mode leihen oder tauschen

Neben dem Kauf von Mode gibt es auch die Möglichkeit diese zu leihen oder zu tauschen. Beim Leihen von Mode haben sich Abo-Modelle durchgesetzt, d.h. für einen festen Monatsbeitrag bekommt der User eine festgelegte Anzahl von Artikeln zugesandt. Sobald er diese (kostenlos) zurückgesandt hat, bekommt er ein neues Paket. Die getragenen Artikel werden durch den Anbieter professionell gereinigt und dann wieder in den Kreislauf gegeben. Also Sharing statt Shopping - Modekonsum ohne Besitz. 
Auch hier ein paar der relevantesten / interessantesten Player:
Rent the Runway aus den USA (und bisher nur dort aktiv) ist die größte und bisher erfolgreichste Plattform für das Leihen von Mode. Zuerst Start ließen sich die hochwertigen Designerstücke für z.B. ein besonderes Event gegen Gebühr leihen. Mittlerweile machen die Abos (Tausch monatlich oder jederzeit möglich) den Großteil der Umsätze aus (via Exciting Commerce - Wie Rent the Runway mit seinen $159-Unlimited-Abos fährt).
Mit der Kleiderei aus Hamburg waren die Gründerinnen Thekla Wilkening und Pola Fendel Pioniere im Fashion-Sharing in Deutschland. Sie sind 2012 lokal gestartet und dann in 2014 online gegangen. Gegen eine monatliche Gebühr können die User vier Kleidungsstücke ausleihen und bei Bedarf gegen andere Kleidungsstücke tauschen. Der Hin- und Rückversand ist dabei kostenlos. Allerdings macht die Kleiderei online gerade einekleine Pause.
Myonbelle bietet drei unterschiedliche Fashion Flatrates – der User bekommt ein Paket mit einer (je nach Flatrate) unterschiedlichen Anzahl von Kleidungsstücken und kann diese so oft tauschen, wie er will.

Weitere Anbieter in Deutschland sind fashion4aday, dresscoded.com und Chic by Choice.
Auch in China ist Leihen ein wachsendes Thema - siehe Jing Daily - The Luxury Goods Rental Market in China: What You Need to Know       

3. Sonstige Geschäftsmodelle

Hier noch ein paar weitere Player, die rund um Second-Hand-Fashion entstanden sind:
CATCHYS ist eine Meta-Suchmaschine für Second-Hand-Mode und durchsucht Second-Hand-Shops, wie ubup, Vite Envogue und einige mehr (via Etailment - Catchys - Second Hand auf einen Blick).
Prelovee ist eine weitere neue Meta-Suchmaschine für Second-Hand-Fashion - hier werden u.a. Vestiaire Collective, Vite EnVogue und REBELLE durchsucht.
FASH BACK ist ebenfalls ein Hamburger Start-Up und fungiert als Fashion-Aufkauf-Plattform und „White-Label“ Lösung für stationäre und online Fashion Händler (via Gründerszene - www.gruenderszene.de/datenbank/unternehmen/fash-back). Der User bekommt online gleich einen potentiellen Ankaufspreis genannt und kann sich dann ein kostenloses Paketlabel ausdrucken.

Fazit

Es tut sich was im Bereich Slow Fashion. Viele unterschiedliche und professionelle Plattformen bieten interessante Alternativen für nachhaltigen Mode-Konsum.

Hoffentlich entwickelt es sich weiter und regt möglichst viele Menschen an, das eigene Konsum- / Shoppingverhalten zu überdenken!


In einem meiner nächsten Beiträge werde ich im Part 2 zur Slow Fashion ausgewählte Geschäftsmodelle etwas detaillierter betrachten und bzgl. Usability und Angebot vergleichen.

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